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Prolog

McGraw hatte seine Hände tief in seinem Mantel vergraben. Sein Gesicht war regungslos, im Laufe der Jahre hatte er gerlernt, seine Emotionen abzuwürgen. Er blieb kalt, auch wenn seine Kollegen und vorallem die Jüngeren sich schwer taten. Kein Wunder, der Anblick hätte ihn vor zwanzig Jahren womöglich in den Wahnsinn getrieben. Sie war jung gewesen. "Chief? Clark am Telefon, er wollte Sie sprechen." Officer Simpson streckte ihm das Handy entgegen. McGraw nickte abgehackt und presste das Gerät an sein Ohr. "Was gibt's?"
"Wieso gehst du nie an dein Handy? Ich habe es ein Dutzend Mal versucht."
"Ich habe es nie dabei, nicht wenn ich arbeite." Seine Stimme war ruhig, doch nicht gelassen.
"Ich will dich auch nicht lange stören. Hast du schon was rausbekommen?"
"Die Spurensicherung ist noch im Bad. Im ersten Moment dachte ich an Selbstmord."
"Aber?" McGraw blickte auf die Badezimmertür.
"Kein Mensch wäre in keiner Situation in der Lage, sich derartig zuzurichten."
"Und wer war sie?"
"Anna Smith, die Bäckerstochter."
"Oh mein Gott. Sie war doch erst..."
"Zehn Jahre alt." Erst jetzt hatte er es ausgesprochen. Jetzt hatte er es realisiert, dass dieses Kind wirklich tot war.

Zehn Minuten später betrat McGraw das Esszimmer des Hauses. Der Raum war nur schwach beleuchtet, eine Frau saß am Essenstisch, ihm den Rücken zugewandt. Er näherte sich, blieb hinter ihr stehen. "Mrs Smith. Mein aufrichtiges Beileid." Für einen kurzen Moment bebten die Schultern der Frau, doch sie raffte sich wieder auf. "Wir werden die Leiche mitnehmen und nach der Obduktion geben wir sie wieder frei." Ein Nicken. McGraw umrundete langsam den Tisch. Wieso hatte man ihr keinen Psychologen da gelassen? Die Frau war doch kurz vor dem Zusammenbruch. "Würden mir einige Fragen beantworten, Mrs Smith?", fragte er. McGraw konnte nun ihr Gesicht erkennen. Sämtliches Blut schien aus ihrer Haut entwichen, ihre Augen starrten weitaufgerissen in das Nichts, ihre Lippen zitterten. Doch diesmal zeigte sie keinerlei Reaktion. McGraw fuhr fort, umrundete dabei weiterhin den Tisch. "Sie haben ihr Kind um circa halb sechs im Bad gefunden. Dem Blutverlust zufolge war sie schon seit vier Stunden tot. Was haben sie in dieser Zeit gemacht, Mrs Smith?" Die einzigen Geräusche in diesem Zimmer war das dumpfe Pochen seiner Sohlen auf dem Parkett und ds regelmäßige Ticken der Standuhr neben der Tür. "Ich breche sämtliche Regeln, Mrs Smith. Ich darf Sie in ihrem derzeitigen Zustand nicht befragen, weil sie laut Vorschrift nicht in der Lage sind jetzt zu sprechen. Aber eine Mörderin, die ihr eigenes Kind auf diese Weise umbringen kann, wird dafür jetzt auch grade stehen können." Wieder keinerlei Reaktionen der Frau. "Sie sind nicht psychisch labil, als Sie uns herriefen waren Sie es auch nicht. Sie wollten es anfangs wie Selbstmord aussehen lassen, deshalb haben Sie sich für die Rasierklinge entschieden. Erst haben Sie Anna mit Neuroleptika vollgepumpt, das bekanntlich eine lange Wirkungsdauer hat. Dann haben Sie sie ins Bad gebracht, eine Wanne voll laufen lassen und Anna rein gelegt. Sie trugen Latex-Handschuhe, auf ihrem Kopf die Duschhaube. Nach ungefähr fünfzehn Minuten haben sie mit der Klinge die Innenseite der Unterarme ihrer Tochter aufgeschlitzt. Genau vom Ellenbogen bis zum Handgelenk, je auf beiden Seiten. Bereits der erste Fehler, aber Sie wollten mehr. Die Waden und den Unterbauch ihrer Tochter schlitzten sie auf und schließlich, um sicher zu gehen, dass sie stirbt noch die Halsschlagader. Sie blieben einen Moment noch im Bad stehen, betrachteten Ihr Kunstwerk. Anschließend zogen sie sich aus, stopften ihre Kleidung samt Tatwaffe in einen Sack, von denen mehrere in der untersten Schublade im Kasten liegen und verließen das Bad. Sie schlossen es nicht ab, ein weiterer Fehler. Den Sack fuhren sie zum See, der nur eineinhalb Kilometer von hier entfernt ist und warfen ihn hinein. Doch sie fuhren nicht nachhause sondern zu Fit&Happy, dem Sportstudio, in dem Sie und ihr Mann Mitglieder sind. Dort duschten Sie ausgibig, zogen sich um und fuhre letztendlich hierher wo Siedie Polizei alamierten. Damit hätten wir die Fragen wer, wann, wie, wen und wo geklärt. Bleibt nur mehr die Frage: Wieso?" Während er sprach, hatte sie nur ein einziges Mal gezuckt. In ihr war ein enormer Druck, den er sich nur zum Vorteil machen konnte. Er hatte nichts handfestes, es war nur eine These. Doch es würde sich nur um Stunden handeln, ehe man den Müllsack finden würde. Mrs Smiths Blick löste sich mit einem Mal aus der Starre und sie sah zu ihm auf. Er blieb stehen und sah sie an, zog auch hierbei keinerlei Mimik. "Kleiner, alter Zauberer. Denken Sie, dass Sie sich alle Erklärungen aus dem Ärmel ziehen können? Oh nein. Nein, das können Sie nicht, Chief Inspector McGraw." Er stützte seine Hand auf die Lehne eine Stuhles. "Sie streiten es nicht ab."
"Ich bitte Sie. Das ist lächerlich..." McGraw beugte sich zu ihr runter, so dass ihre Gesichter auf einer Höhe waren. "Sie sind es auch. Spielen mir erst die fertige Muttervor, sind in Wahrheit aber eine kalte Mörderin, die nun langsam wieder lebendig wird. Hat es Spaß gemacht? Sie zeigen keine Reue. Wieso? Wieso, Nicole?" Ihre Augen formten sich zu Schlitzen. "Nennen Sie mich nicht beim Vornamen." Im Hintergrund konnte man nun das Tun der Polizei im Obergeschoss hören. Einige Beamte eilten die Treppe auf und ab. Es klopfte. "Ja?" McGraw sah auf. Simpson trat ein. "Wir nehmen die Leiche jetzt mit. Der Raum ist versiegelt, bis Montag darf keiner mehr dort rein."
"Alles klar. Danke, Officer." Er wandte sich wieder Mrs Smith zu. "Ich werde nun gehen. Ich würde heute ja doch nur gegen eine Wand laufen. Ich werde Sie auf das Revier einladen lassen. Wir sehen uns also in zwei Tagen, Ma'am. Guten Abend noch." Damit verließ er das Haus in der Lincolnstreet, zündete sich vor der Haustür eine Zigarette an und ging die Straße runter zu seinem Wagen. Am Fenster des Hauses sah ihm eine Gestalt Nacht, ihr Lachen durchdrang die Stille der Nacht.

 

Vierundzwanzig Stunden später stand Officer Paul Simpson vor einer verschlossenen Tür. Er zögerte noch einen Moment, ehe er die Mütze von seinem Kopf nahm und die Klingel des Einfamilienhauses betätigte. Er spürte, wie sich ein Kloß in seinem schmalen Hals bildete. Er war für sowas der falsche Mann. Ein kleines Mädchen mit schwarzen Locken öffnete ihm. Die großen, grünen Augen strahlten als es seine Uniform sah und dann sein Gesicht erkannte. "Officer Paul!", quietschte es vergnügt. Simpsons Mundwinkel zuckten leicht. "Hallo, Alice. Ist deine Mama zuhause?" Die 4- Jährige Alice grinste. "Mama! Mama, ein Polizist steht vor unserer Tür..." Sarah McGraw ging den Flur entlang, streifte sich die Backhandschuhe ab und lächelte ihm freundlich entgegen. "Paul, schön Sie zu sehen. Kommen Sie doch rein!" Paul nickte und betrat das Haus. Der Kloß in seinem Hals wuchs unaufhaltsam, schmerzte bereits. "Sie sehen blass aus. Setzten Sie sich doch, ich mache Ihnen Tee und Sie erzählen..."
"Nein! Sarah, nein danke." Er hatte seine Stimme zum Glück nicht verloren. Mrs McGraw sah ihn an, sie schwieg einen Moment. Plötzlich war das Lächeln auf ihrem Mund ausradiert und ihre Lippen schlossen sich zu einem dünnen Strich. "Alice Schatz, bitte geh für einen Moment nach oben. Mama und Paul haben Erwachsenen-Sachen zu besprechen..." Alice stöhnte, wiedersprach aber nicht sondern stapfte die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sarah wartete, bis die Tür ins Schloß fiel und schloß dann ihre Augen. Paul räusperte sich und sprach es dann endlich aus: "Sarah, es tut mir Leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass... dass George tot ist. Es war ein Unfall, sein Auto rasste mit 180 km/h die Küstenstraße entlang. Er musste die Kontrolle über seinen Wagen verloren haben und durchbrach die Leitplanken. Sein Wrack wurde in den frühen Morgenstunden geborgen." Sarah schluchzte laut auf, stürzte in Simpsons Arme. "Oh mein Gott...", wimmerte sie. Simpson spürte, wie ihre Tränen seine Uniform befeuchteten und drückte sie fester an sich. "Es tut mir so Leid."
Alice saß auf der obersten Stufe und hatte gelauscht. Sie hörte das Weinen ihrer Mutter und die Versuche Pauls, sie zu trösten. Eine Träne perlte über ihr Gesicht. "Grandpa..."

 

 

 

 

30.9.07 23:52




Leben

Mädchen. Mädchen.

About Me

Mädchen,ich liebe dich.

Vergangenes.